Unser Haltungssystem richtig verstehen lernen

Wie kommt es zu Störungen im Haltungssystem?

Das Haltungssystem passt sich einerseits äußeren Bedingungen wie dem Körpergewicht, unebenen Bodenverhältnissen als auch andererseits inneren Ungleichgewichten an.

Nach Bricot kommt es auf 3 Arten zu Dekompensationen (Störungen) im Haltungssystem

  1. biomechanisch: Umknicken, Verletzung, Unfälle, zu hohe Krone
  2. über die kurze Schleife (Reflexbogen), d.h. segmental : Verspannte Nackenmuskeln auf der Seite des hypokonvergenten Auges und/oder 
  3. über die lange Schleife,d.h. suprasegmental : Das Gehirn verursacht einen Schultertiefstand rechts beim Rechtshänder und umgekehrt beim Linkshänder (Lateralitätsstörung) als Anpassung an eine Konvergenzschwäche auf dem linke Auge z.B. infolge eines Schädeltraumas

Welche Folgen haben Störungen des Haltungssystems ?

Liegen nun Störungen der somato-sensorischen Informationsquellen (Rezeptoren der Haltung) vor, dann führt das zu einer schlechten Kalibrierung und Kodierung der Grundprogramme, da sie ein Ungleich -gewicht im tonischen Haltungssystem auslösen.

Dieses Ungleichgewicht verursacht unter anderem Fehlbelastungen und abnormale Beanspruchungen des lokomotorischen (= Fortbewegung) Systems.

Jede Information von unseren Sinnesorganen und Körperteilen, ob richtig oder falsch, wird vom Gehirn immer auf die gleiche Weise verarbeitet und verwaltet.

Die asymmetrischen Informationen der Rezeptoren lösen im Gehirn eine Anpassungsreaktion aus, die ihrerseits eine neue pathologische Anpassung der Haltung (Fehlhaltung) bewirkt. Diese wird dann vom Körper übernommen und als richtig angesehen.

Ein innerhalb des falschen Haltungsschemas angepaßten System kann schmerzfrei funktionieren, solange es wenig beansprucht wird (bewegungsarme Lebensweise, Büroarbeit, überwiegende sitzende Tätigkeiten).

Wenn dagegen die Beanspruchungen größer sind, treten Schmerzen auf (Hochleistungssportler, schwere körperliche Arbeit, eine plötzliche ungewohnte Kraftanstrengung, etc.).

Hypermobile (überbewegliche) Menschen können im Gegensatz zu unbeweglicheren Menschen mit "meist kurzen Sehnen “ die Anpassungen wesentlich leichter ausgleichen.

Die Haltungskorrekturen lassen sich bei ihnen hingegen meist nicht so schnell und dauerhaft wie bei der anderen Patientengruppe stabilisieren.

Wenn das Haltungssystem sich auf keine anderen Belastungen anpassen musste, kann es die Störung eines Rezeptors leicht ausgleichen.

Wenn es aber schon durch alte inzwischen fixierte Anpassungen beansprucht ist, so kann es durch eine Rezeptorstörung seine Pufferrolle nicht mehr erfüllen und so treten Schmerzen an den betroffenen Stellen auf.

Bei einer Epicondylitis radialis (Tennisellenbogen) zum Beispiel entsteht die Haltungsstörung (deren Ursprung meistens weiter oben liegt z. B. Augenfehler) innerhalb eines Haltungsystems, das in seinen bisherigen Anpassungen schon fixiert ist. Denn das Haltungssystem ist dabei nicht mehr in der Lage, diese neue Ursache der Gleichgewichtsstörung erneut auszugleichen. Auch ein größerer Fehlbiss macht keine Probleme, solange das System sich noch anpassen kann.

Jedoch kann eine schon kleine Störung im Zahn-Kieferapparat z.B. eine neue Krone Beschwerden auslösen,wenn sie ein System stört, das in seinen Anpassungen an seine Grenzen gekommen ist oder wenn die Störung durch andere zahnärztliche Maßnahmen z.B. durch eine Zahnextraktion verschlimmert und fixiert wird.

Jeder einzelner Rezeptor kann auf diese Weise zur Ursache einer Dekompensation (Überbeanspruchung) des Haltungssystems werden. Er kann sich aber auch an eine von einem anderen Rezeptor kommende Störung anpassen, z.B. die Augen an die Zähne oder umgekehrt. (siehe Augen, Füße und Zähne-Kiefer).

Die Augen können sich ebenfalls an die Füße anpassen. Ein Beweis hierfür ist, das kleine Refraktionsstörungen (Fehlsichtigkeiten), vor allem, wenn sie asymmetrisch oder einseitig sind, nach der Fußkorrektur verschwinden.

Der Fußrezeptor ist der allerletzte Puffer in diesem System. Als Bindeglied zwischen der Gleichgewichtsstörung und dem Boden passt er sich an alles an und prägt sich diese Anpassung nachhaltig ein. Auch wenn die Füße selbst also nicht die Ursache sind, verformen sie sich als Folge ihrer Anpassungen. (siehe auch Button Füße)

asymmetrische Fußrezeptorstörung an eine Konvergenzstörung des rechten Auges  

Die Anpassung des Zahn-Kieferapparates an die Füße konnte experimentell bewiesen werden (Toubol, Perez).

Eine noch so geringe Änderung der Standfläche der Füße auf dem Boden kann den Kauzyklus eines Menschen verändern. 

Die Rezeptorstörungen können daher Ursache der Fehlhaltung oder eine Anpassung an diese sein oder sogar beides gleichzeitig.

In der täglichen Praxis sind bei den Patienten, die wegen immer wieder auftretender Schmerzen zu uns kommen, mindestens 3 oder 4 dieser Eingänge in ihrem Gleichgewicht gestört.

Die entstandene Fehlhaltung entspricht der Prägung eines neuen Haltungsschemas, das ungeachtet des Ungleichgewichts (=Asymmetrie) zur neuen Norm wird. Das Haltungssystem wird innerhalb dieses Ungleich gewichts (asymmetrischer Norm) funktionieren können, aber es wird unfähig sein, sich selbst zu korrigieren. 

Ein in seiner Anpassung fixierter Hauptrezeptor muß wie ein ursächlicher Rezeptor korrigiert werden, denn er hat sich verformt und unterhält dadurch die Beschwerden. Das gilt vor allem für die Füße als letzte Puffer unseres Haltungssystems. Darum müssen an 1. Stelle der Therapie nach Bricot die Füße behandelt werden. (FüßeDie Therapie der Füße)

Die Rezeptorstörungen treten meist schon in der Kindheit auf und bleiben häufig unerkannt wie z.B. verdecktes Schielen bzw. unbehandelt wie Fehlhaltungen, Fußfehlformen. (siehe Beispiel einer Anpassungsstörung bei einem Kleinkind)

Meist werden die in der Kindheit auftretenden Beschwerden wie z.B. Lernschwierigkeiten, motorische Defizite, Spannungskopfschmerzen, Ängste nicht mit Störungen der Rezeptoren des Haltungssystems in Zusammenhang gebracht.

Was die einzelnen posturalen Muskeln betrifft, so arbeiten sie nie isoliert, sondern in Form richtiger synergetischer oder antagonistischer Muskelketten.

Einige Kollegen, wie Frau Mezières oder Dr. Bourdiol  aus Frankreich lassen diese verschiedenen Ketten beim Fuß anfangen und sprechen von „aufsteigenden Ketten“, andere lassen sie oben anfangen und nennen sie dann „absteigende Ketten“ (Denis Struyf). In der Tat arbeiten diese Ketten sowohl aufsteigend wie auch absteigend.

       

Dieses Bild zeigt die Wechselwirkungen der Muskelketten und die Puffersysteme des Haltungssystems aus dem Buch von Prof.  Bricot.

Es ist daher nach dem heutigen Wissensstand nicht mehr richtig, von aufsteigenden oder absteigenden Pathologien zu sprechen, denn in den meisten Fällen treten diese beiden Arten der Dekom- pensation nebeneinander auf.

Deshalb spricht Bricot bei Fehlhaltungen von einer schlechten Kalibrierung der Haltung.

Anfangs schützt das Haltungssystem die Wirbelsäule, in dem sich primär Schulter - und Beckengürtel verformen, kippen bzw. drehen, da der Schulter- und Beckengürtel in diesem System wichtige Puffersysteme darstellen. 

Das Becken kann also kippen, auch wenn keine echte, d.h. anatomische Beinverkürzung vorliegt. 

Die Anpassungen, die am Anfang häufig reversibel sind, fixieren sich nach einigen Monaten. 

Erst wenn diese Puffersysteme versagen, kommt es zu Störungen der Wirbelsäule selbst z.B. in Form einer Skoliose als Anpassung auf eine nicht erkannte primäre Konvergenzstörung der Augen während der Wachstumsphase.(siehe Button Augen)

Um die verschiedenen Störungen des Haltungssystems zu diagnostizieren, untersuchen wir deshalb die Schulter- und Beckenebene.

Dieser Zeitpunkt ist vom „Konstitutiontyp“ des Einzelnen abhängig: d.h. bei hypermobilen Typen treten die Fixierungen später ein als bei unbeweglich- eren Menschen.

Leiden Sie also bereits schon seit Jahren an Verspannungen z.B. durch psychischen Stress, Bewegungsmangel, durch einen oder mehrerer der oben aufgeführten Gründe kann eine weitere Belastung z.B. ein Unfall oder eine Operation, etc. dazuführen, dass Ihre Schmerzschwelle plötzlich überschritten wird. Dies zeigt sich dann zunächst in belastungsabhängigen Beschwerden bzw. Schmerzen. Später treten die Beschwerden/ Schmerzen auch in Ruhe auf. 

Solange diese ursächlichen Zusammenhänge nicht erkannt und nicht therapiert werden, bleiben Ihre betroffenen Körperregionen (Wirbelsäule, Knie, Hüften, etc.) permanent falsch belastet und führen im Verlauf von vielen Jahren zu einer regelrechten Fehlhaltung mit allen dazu gehörigen Problemen.

Diese Pathologien werden normalerweise nur symptomatisch behandelt.

Die Posturologie hingegen hat einen Weg gefunden, ursächlich auf dieses System einzuwirken. (Button Die Behandlung)

                                                                                     

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