Unser Haltungssystem richtig verstehen lernen

Die Therapie über die Füße als Eingang zum Haltungssystem

Die moderne Neurophysiologie hat in den letzten Jahren gezeigt, dass wir unsere Füße, vor allem die Füße unserer Kinder, viel ernster nehmen müssen als wir das normalerweise tun.

Nach Bricot sollten orthopädische Einlagen- mit Ausnahme bei neurologisch- oder Unfall bedingten Fußerkrankungen- heute nicht mehr verordnet werden, da sie die Fußfühler deutlich beeinträchtigen.

Denn jeder Druck auf das innere Fußgewölbe, das normalerweise nicht für diese Belastung vorgesehen ist, führt zu einem Muskelungleichgewicht der Füße.

Auch die inzwischen fast überall zu findenden Fußbetten, ob in Schuhen oder in Sandalen, stören die Füße in ihrer normalen Funktionsweise erheblich und sind nicht selten der Grund für weitere Störungen im Haltungssystem.( siehe auch unter Behandlungsbeispiel 1 dokumentiert mit dem Haltungsanalysesystem corpus-concepts)

Die in den 70iger Jahren von französischen und italienischen Ärzten, vor allem von Neurologen, entwickelten senso-motorischen Einlagen sind nach Bricot schon ein Schritt in die richtige Richtung, da sie sehr dünn (max. 3 mm) sind und dadurch die Exterozeptoren (Fußfühler) und die Propriozeptoren ( Muskeln, etc.) nicht mehr beeinträchtigen.(siehe auch Der Weg zur Therapie)

Diese inzwischen zahlreich angebotenen Einlagen, an denen kleine Plättchen oder Erhöhungen zur Korrektur der Haltung angebracht werden, sind aber nur dann sinnvoll, wenn die Füße die einzige Ursache für die Fehlhaltung sind.

Das gleiche gilt auch für die MBT - Schuhe, die inzwischen zur Haltungskorrektur sehr verbreitet sind.

Wären unsere Füße wirklich nur der einzige Grund für die Fehlhaltung, dann hätten unsere Patienten normalerweise keine Beschwerden, da das Haltungssystem erst bei Störungen weiterer Sinnessysteme oder Belastungen Beschwerden auslöst.

Bei der Therapie über die Füße nutzt man die Erkenntnisse der Neurowissenschaften, die durch die Entdeckung der verschiedenen Mechanorezeptoren Ende des 18. Jahrhunderts schon nachgewiesen haben, dass die kutanen Rezeptoren (Mechanorezeptoren) so sensibel sind, dass sie gleichzeitig den räumlichen Ursprung, die Intensität und die Druckexkursionen, die auf die Haut einwirken, erkennen und daraufhin sofort entsprechende Veränderungen der posturalen Muskelketten und des Gleichgewichts auslösen.
Im Unterschied zu den oben genannten Einlagen werden durch die Sohlen zur posturalen Stabilisierung die Füße primär über einen Stabilisator unter der Fußsohlenmitte stimuliert. Auf diese Weise gelingt es, die Adaptationen der Füße zu neutralisieren, um so die Haltung wieder zurück an ihren optimalen Körperschwerpunkt zu bringen.

Die von diesem Stabilisator ausgehenden elektrischen Miniimpulse können wir während des Tragens der Sohlen nicht bewusst wahrnehmen, da unsere Wahrnehmungsschwelle zu hoch ist, d.h. wir nehmen Vibrationen erst ab 150 Hertz bewusst wahr, während die speziellen Mechanorezeptoren schon auf deutlich geringere Frequenzen reagieren. Diese hohe Sensibilität der Mechanorezeptoren hat mit zu der Entwicklung dieser Sohlen beigetragen. (siehe der Weg zur Therapie).

Diese Vorgehensweise ist jedoch nur effektiv, wenn gleichzeitig die anderen Rezeptorstörungen mitbehandelt werden (siehe unter Die  Behandlung), damit sich die Füße nicht weiterhin auf die Störungen von oben anpassen müssen. 

Es ist zwar möglich, einen kausalen Fußtyp (Pes planus, etc.)  mit sensomotorischen Elementen allein zu behandeln. Dagegen bringt es nichts, einen versteiften, d.h in seiner Anpassung fixierten Fußtyp auf die gleiche Art zu korrigieren. Denn die Verformungen der Füße hängen nicht mit dem Fußtyp an sich zusammen, sondern sind Ausdruck einer Anpassungsstörung. Die Zeit, die die Füße brauchen bis sie in ihren Anpassungen fixieren, ist auch vom Konstitutionstyp abhängig.

Aus diesem Grund führt eine Nichtmitbehandlung dieser anderen Störeinflüsse meist zu unbefriedigenden Ergebnissen, d.h. die Haltung lässt sich nicht optimieren oder die bisherigen Beschwerden der unteren Körperhälfte verlagern sich nach oben. (HWS/ BWS).

Der zentrale Stabilisator in der Einlage wirkt an 1. Stelle auf die Exterozeptoren, in dem er über polysynaptische Bahnen den Gamma-Motoneuronen-Kreislauf (Sherrington, Paillard) beeinflusst. Dadurch wird segmental der Muskeltonus reguliert und die synergistischen Muskelketten aktiviert.
Ein anderer Teil der Informationen wird polysynaptisch über das Lemniscale- und Extralemniscale System zum somatosensomotorischen Kortex weitergeleitet, wo die Informationen in den entsprechenden nervalen Repräsentationszonen verarbeitet werden. (siehe unter Neurophysiologie)

Als Reaktion auf diese neue Information steigen die efferenten Bahnen des pyramidalen und extrapyramidalen System ab und passen entsprechend die Körperhaltung an.

 

Lemniskales System


Bricot nutzt die spezifische Sensibilität der Hautrezeptoren in den Fußsohlen für seine Therapie, um mit Hilfe des zentralen Stabilisators eine neue (frequenzbezogene) Information von der Fußsohlenmitte gezielt zum Gehirn weiter zu leiten, um so das Haltungssystem zu rekalibrieren.

Mit dieser Therapie lassen sich nach Bricot auf Dauer, auch die Verformungen der Füße, wie Platt- bzw. Hohlfüße beeinflussen, d.h. der Bogen beim Plattfuss wird durch die verringerte Auftrittsfläche und dem größeren maximalen Druck tiefer, während beim Hohlfuß der Bogen durch eine größere Auftrittsfläche und einem geringeren maximalen Druck flacher wird.

Durch diese therapeutische Vorgehensweise lässt sich nach Bricot nicht nur die Körperhaltung wieder optimieren, sondern auch die unterschiedlichen Bein- ( X- bzw. O-Beine) und Fußfehlstellungen (Knickfüße) deutlich verbessern.

Genu varum vor               und nach 12 Monaten Behandlung

vor                                    nach 3 Monaten             nach 10 Monaten

Behandlung bei einem 10 Jahre alten Mädchen mit Genu recurvatum  

Die beiden unteren Bilder zeigen asymmetrische Knick-Plattfüße                

                             

             vor                                       und  nach  12 Monaten Therapie  

Auch bei dieser therapeutischen Vorgehensweise werden sensomotorische Elemente zusätzlich zum zentralen Stabilisator eingesetzt.                                                                                   

Diese verschiedenen dünnen Elemente (Halbmonde, etc.) dürfen jedoch nur zur Behandlung der kausalen Komponente der Fußfehler oder zur Stabilisierung der Sprunggelenke eingesetzt werden.
Weitere spezielle Elemente (Vor- und Rückimpulsgeber) werden nur an bestimmten Stellen angebracht, um den zentralen Stabilisator bei seiner Aufgabe, unsere Körperhaltung im optimalen Gleichgewicht zu halten, zu unterstützen.  (siehe Der Weg zur Therapie)
Diese sensomotorischen Elemente entfalten ihre Wirkung nach Bricot auf biomechanischem, segmentalen und supra - segmentalem Weg und werden deshalb biomechanische Stabilisatoren genannt.

Nun möchte ich Ihnen noch gerne eine Anleitung zur Behandlung  ursächlicher kindlicher Fußfehlformen für die Eltern mit auf den Weg geben. 

Liebe Eltern,

hat Ihr Kind ausgeprägte Plattfüße (bis zum Alter von 6 Jahren nach Bricot noch normal), empfehle ich Ihnen folgende Übungen, die Sie, jeden Abend 5 bis 10 Minuten täglich, in spielerischer Form mit ihrem Kind durchführen sollten.

Streichen Sie die Fußsohlen mit dem Handrücken gleichmäßig aus und/ oder streichen Sie mit einer weichen Bürste über die Fußsohlen. Bei Kleinkindern kann man dazu auch gut eine Zahnbürste verwenden. Das Streichen mit der Bürste kann auf die ganzen Beine ausgedehnt werden.

Lassen Sie Ihr Kind viel auf harten und uneben Böden barfuss laufen (zum Beispiel auf einem Kiesweg), um so die Wahrnehmungsfühler in den Fußsohlen zu trainieren.
Zur Kräftigung der Fußmuskeln sollten Sie die Füße Ihres Kindes oberflächlich und halbtief massieren und kneten oder mit Ihrem Kind Rollübungen über irgendeinen runden Gegenstand (zum Beispiel einem Nudelholz) machen.

Auch mit Greifübungen, bei denen man für das Kind verschiedene Gegenstände auf den Boden legt, und es bittet, sie mit den Zehen auf zu nehmen (Bleistift, Blätter usw.) und das Laufen auf den Zehenspitzen haben sich zur Behandlung von Plattfüßen als effektiv erwiesen.

Hat Ihr Kind hingegen Hohlfüße, so sollten Sie diese tief und druckvoll massieren und kneten und vor allem Druck auf den vorderen Mittelfuß (hinter den Mittelfußköpfchen) ausüben.

Lassen Sie Ihr Kind viel im Sand laufen oder eine andere sportliche Betätigung im Sand (Beach-Volley) machen und viel auf den Fersen laufen.

Liebe Kollegen, der Zweck der aufgeführten Übungen beim Hohlfuß besteht vor allem darin, den umgekehrten myotatischen Reflex auszulösen, indem man versucht, die Golgi-Rezeptoren an den Sehnen zu aktivieren. 

                                                                                 Patienten- Information

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                                                                                       Behandlungsbeispiel