Die Geschichte der Posturologie
nach den Recherchen von Prof. Dr. Bricot und Dr. med. Antonio Fimiani
Die ersten Untersuchungen zum Haltungssystem finden sich schon im 18. Jahrhundert.
Aber erst 1890 gründete der deutsche Arzt Karl Vierordt
in Tübingen die erste Posturologie-Schule.
Schon 1860 hatte Vierordt begonnen, unseren in aufrechter Haltung befindlichen Körper mit der Schwerkraft in Verbindung zu bringen.
18. Jahrhundert
In dieser Zeit zielte die Forschung darauf ab, die Funktionsweise des Haltungssystems
aufzuzeigen und einen Sinn zu entdecken, der unsere aufrechte Haltung erklären konnte.
1837 stellte sich der schottische Anatom und Physiologe Sir Charles Henry Bell schon die grundlegende Frage, welche auch die moderne
Posturologie zu lösen versucht.
“ Wie vermag der Mensch eine aufrechte oder gerade Haltung gegenüber den Kräften des Windes aufrecht zu halten?"
Offenbar besitzt er einen Sinn, mittels dem er die Neigung sein-es Körpers erkennt und der in der Lage ist, alle Abweichungen von der Senkrechten zu justieren und zu korrigieren.
90 Jahre vor dem englischen Arzt Sir Charles Scott Sherrington beschrieb Bell schon den reziproken myotatischen Reflex (Muskelsinn).
1829 wies Pierre Flourens, ein französischer Physiologe, auf die Bedeutung des Vestibulum hin.
1853 entdeckte der deutsche Neurologe, Moritz Heinrich Romberg, dass die posturalen Schwankungen stärker sind, wenn die Sicht verdeckt, aber auch wenn die Stützfläche reduziert wird.
1861 erläuterte der französische Arzt, Francois Achille Longet die Bedeutung der Eigenwahrnehmung der paravertebralen Muskeln, die Propriozeption.
1899 untersuchte der Neurologe Babinski die Postur (Haltung) sowie Haltungs- und Bewegungsschäden von Patienten mit Erkrankungen am
Kleinhirn. Ihm verdanken wir die ersten Informationen über die posturalen Einstellungen, verbunden mit der freiwilligen Bewegung.
Seitdem weiß man , dass bei Mensch und Tier beabsichtigte Bewegungen von posturologischen Phänomenen begleitet und gefolgt werden.
19. Jahrhundert
Die Rollen, die die meisten der Sensoren spielen, um zur Aufrechterhaltung der aufrechten Position beizutragen, waren bereits bekannt.
Die besondere Bedeutung der Augen wurde von Romberg herausgestellt, die Propriozeption von Longet, der Einfluß der Vestibularorgans von Flourens, und der Muskelsinn erst von Bell, dann von Sherrington.
Doch erst 1916 wurde erstmals durch die französischen Neurologen um Flourens eine Erkrankung (Schwindel) als posturale Erkrankung anerkannt.
1955 stellte Dr. Baron, Physiologe vom Posturographischen Labor des St. Anne Krankenhauses in Paris eine These über die Bedeutung der augenmotorischen Muskeln auf die Körperhaltung auf.
Der Engländer Henry Otis Kendall, ehemaliger Direktor des
Physical Therapy Department (1898-1979), definierte die Postur (Körperhaltung) als “einen zusammengesetzten Zustand aller Körperäußerungen zu einem bestimmten Augenblick”.
20. Jahrhundert
In
den siebziger Jahren entschloss sich Nashner LM, ein junger Student der Ingenieurswissenschaften
in Cambridge, über das System der posturalen Kontrolle zu dissertieren, und schuf eine Apparatur, die geeignet war, die Bewegungen des Schwerpunkts des Probanden zu ermitteln.
Dies löste in Frankreich die Gründung zahlreicher Schulen aus, die alle die Funktionsweise des posturalen Systems zu erklären versuchten.
Im Unterschied zum vorangegangenen Jahrhundert, in dem man einen einzigen Sinn suchte, der das System lenkte, ging es jetzt, gestützt auf einen kybernetischen Ansatz, um eine ganzheitliche Sichtweise auf unseren Körper.
In enger Analogie zum Computer hat das posturale System einen (sinnlichen oder sensorischen) Empfang, eine Verarbeitung, eine motorische Programmierung und eine Kontrolle der motorischen Funktionen durch Rückkoppelung. Der Regelkreis kann zu einer programmierten Änderung des Systems oder zu einer Korrektur einer zufälligen Änderung durch Gewährleistung der relativen und fluktuierenden Stabilität des Systems führen. Auf der Grundlage dieser Annahmen entstanden Anfang der Achtzigerjahre die verschiedenen Theorien, deren wichtigste folgende sind:
1. Das système postural fin von Dr. Pierre Marie Gagey, einem Arbeitsmediziner, der in Paris „Die französische Posturologie-Schule“ gründete und die Grundlagen für die Stabilometrie, des Zweiges der Posturologie, der sich mit dem Gleichgewicht des auf den Füßen stehenden Menschen beschäftigt, legt.
2. Das système tonique postural von Prof. Dr. Bernard Bricot, einem Orthopäden und Chirurgen, der in Marseille das „Collège international d’étude de la statique“ gründete und das Verhältnis zwischen dem Ungleichgewicht der Rezeptoren, die Asymmetrien beim Stehen auf den Füßen und chronische Schmerzen des Stütz- und Bewegungsapparats untersucht.
Beide Schulen sehen die Augen und die Füße als die hauptsächlichen Esorezeptoren des Systems an.
Zur gleichen Zeit begann in Lissabon Dr. Orlando Alves da Sylva, ein Augenarzt, gemeinsam mit dem Physiologen Dr. Martin da Cuhna, die Veränderungen des posturalen Systems mit Hilfe von optischen Prismen zu untersuchen. Heute erzielt die Schule von Dr. Da Sylva die besten Ergebnisse im Hinblick auf die Dyslexie.
Erst vor kurzer Zeit führte der französische Physiologe, Professor J. Paillard, die Konzepte der Postur ein und definierte Sie als einen psycho-physiologischen Ansatz zum Körperschema.
Dann gibt es noch die Theorie von Dr. Michel Clauzade, einem französischen Arzt für Zahnchirurgie und Doktor der Odontologie. Er stellte die Theorie auf, dass der Kopf der Ausgangspunkt der gesamten posturalen Organisation sei, wonach die Körperhaltung vom Gleichgewicht zwischen dem primordialen (kraniosakral-mandibulären) System und dem kompensatorischen peripheren Regulierungssystem (Gagey) abhängig ist.
Es ist verständlich, dass jeder Zweig seine eigene Arbeit in den Mittelpunkt zu stellen versucht.
Aber alles bisher Aufgeführte findet sich in den zwei wesentlichen Lehren von Gagey und Bricot wieder.
Nach den Lehren beider geht man davon aus, dass das posturale System sich in ständiger Anpassung befindet, im Bestreben, der Einwirkung der Schwerkraft und des Bodenwiderstands standzuhalten.
Um diese aus neuro-physiologischer Sicht große Leistung zu vollbringen, verwendet der Körper verschiedene Informations -quellen.
1. die Exterorezeptoren, die uns in Relation zu unserer Umgebung bringen (Tasten, Sehen, Hören)
2. die Propriorezeptoren, die die verschiedenen Körperteile relativ zum Ganzen in eine gegebenen Position bringen und
3. die höheren Zentren, die die strategische Auswahl und die kognitiven Prozesse (Paillard) integrieren, um so die Informationsquellen der vorigen beiden Quellen zu behandeln.
In ihren Anfängen suchten beide Haltungsschulen nach Erklärungen, wie sich das posturale System konditionieren lässt, um es wieder ins Gleichgewicht zu bringen und folglich Erkrankun- gen wie Schwindel oder posturale Instabilität behandeln zu können. Dabei ging es primär um neurologische Erkrankungen ohne anatomisches Korrelat und weniger um Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparats.
Der Einzige, der bereits schon 1983 vermutete, dass den Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparats ebenfalls ein Ungleichgewicht des posturalen Systems zugrunde liegen könnte, war und ist nach Dr. Fimiani Prof. Dr. med. Bernard Bricot.
Seit vielen Jahren ging man in der Medizin und geht man auch heute noch in einigen Haltungsschulen von der Annahme aus, dass vor allem das Vestibulum das Gleichgewicht steuert. Diese Annahme konnte durch die neurophysiologischen Forschungs -arbeiten Bricots widerlegt werden.
Nach Bricots Lehre dient das Gleichgewichtsorgan dazu, unsere Augen und den Kopf in der Bewegung zu stabilisieren.Gleichzeitig ist das Gleichgewichtsorgan auch ein Sicherheitssystem,
falls wir stürzen.
Die Aufgabe des Gleichgewichtsorganes ist es, jede Abweichung unserer Kopfstellung unmittelbar durch eine gegenläufige Augenbewegung zu korrigieren. Durch dieses Sinnesorgan ist es uns erst möglich, ein bewegtes Ziel im „Auge“ zu behalten, oder ein Ziel in Bewegung mit den Augen zu fixieren.
Nach Bricot sind die 3 grundlegenden Sinnesorgane für das Haltungssystem deshalb: die Augen, die Füße und die Haut.
Erst seit dem Jahr 2000 beschäftigt sich Dr. med. Antonio Fimiani, Facharzt für Physiotherapie
und Skoliosespezialist aus Ischia/ Italien, und Schüler Bricots, mit all den Theorien über das Haltungssystem.
Nach seiner Aussage hat er die meisten Therapieerfolge mit der therapeutischen Vorgehensweise nach Bricot.
Während der letzten Jahre hat er über 5000 Behandlungsverläufe mit klinischen Untersuchungen, Bildaufnahmen, Video, röntgenologischen und stabilometrischen Untersuchungen dokumentiert.
Diese bisher von ihm einzigartige Dokumentation belegt eindrucksvoll die Wirksamkeit dieser neuen therapeutischen Vorgehensweise: „Die globale Reprogrammierung des Haltungssystems nach Prof. Bricot“ bzw. seit 2006 als " Globale somatosenso -motorische- sensorielle Rekalibrierung des Haltungssystems " genannt, in der täglichen Praxis.
Seit über 10 Jahren wird nun die Haltungslehre nach Prof. Bricot auch in vielen anderen Ländern ( Italien, Schweiz, Belgien, Brasilien, etc. ), häufig auch in Verbindung mit der Aurikulotherapie und Aurikulomedizin nach Dr.med. Raphael Nogier gelehrt und erfolgreich in die Praxis umgesetzt.
Seit einigen Jahren wird sie auch Medizinstudenten an den Universitäten in Marseille, Paris, Lyon, Rom und Bologna unterrichtet.
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