Unser Haltungssystem richtig verstehen lernen

Der Weg zur therapeutischen Sohle zur Haltungs- stabilisierung nach Bricot

Um die Rolle der Füße für das Haltungssystem zu verstehen, führte Bricot seine ersten Experimente auf einer elektrischen Fußdruckmessplatte durch und später auch auf einem Stabilometriegerät (Gleichgewichtsmessplatte).
Mit der elektrischen Fußdruckplatte  konnte er den korrekten Abdruck mit der genauen Druckverteilung, die linke und rechte Schubkraft, die Auftrittsfläche eines jeden Fußes und den maximalen Druck dokumentieren.
Bei diesen Experimenten entdeckte er zufällig, dass die Gewichtsverteilung auf beiden Füßen sowohl bei einer normalen Haltung als auch bei einer Fehlhaltung immer bei 50/50 liegt.
Das bedeutete , dass die Füße sich, egal welches Körperungleichgewicht vorlag oder vorliegt, durch Verformungen und Verdrehungen so anpassen müssen, dass die Gewichtsverteilung auf beiden Füßen immer gleich, also 50/50 ist. 

Auch Bricot forschte als Schüler von Dr. P. Nogier auf dem Gebiet der Aurikulomedizin und es gelang ihm in den 70iger Jahren in den Fußsohlen Reflexzonen zu finden, die auf die Stimulation unterschiedlicher Frequenzen reagierten. 

4 dieser Reflexzonen sprachen nach Bricot auf eine Frequenz von 4,56 Hertz an und wirken hemmend auf die Muskelketten.  

4 andere Reflexzonen hingegen reagierten auf eine Frequenz von 9,125 Hertz und wirkten aktivierend auf die Muskelketten.

Nur eine Zone, die doppelte Mittelzone, reagierte auf beide Frequenzen. Diese Zone war als einzige in der Lage, alleine die anderen Zonen zu beeinflussen.Diese sogenannte " Befehlszone" entspricht  der Lage unseres körpereigenen Schwerpunktes an den Füßen.

Bei der Stimulation der Reflexzone in der Mitte beider Fußsohlen stellte er fest, dass sich die Körperhaltung der Versuchsperson an seinem Körperschwerpunkt einpendelte. Dies gelang ihm nicht, bei den anderen Reflexzonen an der Fußsohle.

1979 stellte er diese Entdeckung erstmalig auf einem Akupunktur- Kongress vor.

Aus neurophysiologischer Sicht wandeln die kutanen Exterozeptoren  die Veränderungen der von außen kommenden Informationen (Reizenergie) in körpereigene Signale um. Die Exterozeptoren der Haut übermitteln diese Informationen über die polysynaptischen Bahnen  an die Muskeln. Ein Teil der Informationen wird über die Lemniscalen- und Extralemniscalen Bahnen an den somatosensomotorischen Kortex weitergeleitet. (siehe Mechanorezeptoren)

1984 nahm Prof. Dr.med. Jean Pierre Roll, Neurophysiologie und Wissenschaftler aus Marseille, seine Forschungsarbeiten über das tonische Haltungssystem auf.

1987 pluplizierte er seine ersten Forschungsergebnisse und prägte den Begriff der visuell-podalen Achse des Haltungssystems.

1988 - 1989 führte Prof. Dr. Roll weitere Experimente durch, um die Rolle unserer verschiedenen Muskeln für unser Haltungssystems zu verstehen. Zuerst führte er nur Minivibrationen an den Augenmuskeln und später auch an der Unterschenkelmuskulatur an Versuchspersonen mit geschlossenen Augen durch. 
1996  gelang es Roll ebenfalls die Erkenntnis vom Muskelsinn nach Sherrington (1902) zu bestätigen.

Stimulierte er die vorderen Tibiamuskeln löste das beim Probanden das Gefühl einer Schwerpunktverlagerung nach hinten aus, die der Proband daraufhin unbewußt mit einer Vorbeugung seines Körpers kompensierte.

Erfolgte jedoch die Minivibration an den hinteren Wadenmuskeln, dem Muskulus soleus, so bekam die Versuchsperson, das Gefühl nach vorne zu fallen und verlagerte deshalb unbewußt seinen Körperschwerpunkt nach hinten.

Dieser für uns wichtige „Muskelsinn“ ist auch Roll ein Regelkreis mit angepasster Rückkoppelung. Mit seinen zahlreichen Eingängen (Muskelspindeln, Golgi-Sehnen, etc.) wirkt dieser Regelkreis über verschiedene Reflexwege auf der segmentalen und suprasegmentalen Ebene (ZNS).

Als Grundlage für die therapeutischen Sohlen von Bricot dienten die Experimente von Magnusson 1990, der durch Hypothermie der Exterozeptoren in den Fußsohlen eine vorübergehende posturale Instabilität der gesamten Körperhaltung auslösen konnte. Zu den gleichen Ergebnissen kamen schon A.Dashays 1988, Thourmie 1996. Sie konnten durch die Anästhesie der Exterozeptoren beweisen, dass es dadurch zu einer posturalen Instabilität kam. Auch Mauritz 1980, Diener 1984, Nashner 1990 haben diese Wirkung bestätigen können. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse waren für Bricot revolutionär und führten zur Entwicklung der Sohlen zur posturalen Stabilisierung.

Bei weiteren Experimenten fiel Roll auf, dass sich die Lage der Reflexzonen bei Platt- bzw. Hohlfüßen innerhalb der Fußsohlen verschieben. Bei Plattfüßen lagen die Zonen weiter innen und vorne und bei Hohlfüßen weiter außen und hinten. 

1999 begann Roll, die von Bricot entdeckten podalen Reflexzonen mit Minivibrationen zu stimulieren. .

2000 - 2001 führte Roll weitere Experimente mit Minivibrationen an den Fußsohlen durch.

Dabei entdeckte Roll, dass die Haut und die Muskeln der Füße auf unterschiedliche Vibrationsfrequenzen reagierten, z.B. reagierte die Haut im Vorfußbereich auf eine Stimulation von 55 Hertz und die Muskeln auf 50 Hertz.

Die Stimulation der Fußsohle im Vorfußbereich mit einer Frequenz von 55 Hertz löste bei der Versuchsperson eine Anpassung seiner Körperhaltung nach hinten aus.

Eine Stimulation von 120 Hertz im Fersenbereich brachte die Körper -haltung der Versuchsperson nach vorne. 

Eine Stimulation der Fußsohlenmitte mit 90 Hertz war in der Lage, den Probanden an seinem optimalen Körperschwerpunkt zu halten. 

            

Bei den Stimulationsversuchen der Fußsohlenmitte durch Roll mit Minivibrationen trat ebenfalls auf der elektrischen Fußdruckmessplatte ein Muskelungleichgewicht entweder zuerst nach rechts oder zuerst nach links auf, das sich an einer Änderung des Fußaufdruckes von 40/60 nachweisen ließ und ca. drei Wochen später ins Gegenteil umschlug (60/40). Erst nach ca. 6 Wochen stellte sich das Gleichgewicht unter den Füßen wieder auf 50/50 ein.
Wie war das nach Bricot zu erklären?

Der Stimulationsreiz (Minivibration) unter der Fußsohlenmitte entsprach nach Bricot einer neuen Information, auf die sich das gesamte Haltungssystem neu orientieren musste, wodurch es seine bisherigen fixierten Anpassungen sofort löschte.            

Die so ausgelöste Destabilisierung des Haltungssystems führte sofort zu einem muskulären Ungleichgewicht, was sich an der ungleichen Druckverteilung der Füße 40/60 anstatt von sonst immer 50/50 erkennen ließ.
Dies war für Bricot endlich der Beweis für die verschiedenen Anpassungen der Füße an ein Ungleichgewicht im Haltungssystem.

Dank ihrer Anpassungsfähigkeit können unsere Füße jedes Gleichgewicht bzw. Ungleichgewicht der Körperhaltung gleichmäßiger auf sich verteilen bzw. kompensieren. (siehe auch Beispiel von Dr. Fimiani und unter Behandlungsbeispiel 1 dokumentiert mit dem Haltungsanalysesystem corpus-concepts

2001 gelang es Roll die gleiche Wirkung auf die Körperhaltung anstelle von Minivibrationen auch mit periodischen Signalen eines elektro-galvanischen Elementes (elektrische Miniimpulse)zu erzielen. Das ursprünglich erste galvanische Element  bestand aus zwei verschiedenen Metalldrähten (Kupfer und Eisen), einem Elektrolyten (dem "Salzwasser" im Froschschenkel) und einem "Stromanzeiger" (Muskel).  1780 entdeckte der italienische Arzt Galvani zufällig, dass ein mit Instrumenten aus verschiedenartigen Metallen berührter Froschschenkel-Nerv Muskelzuckungen auslöst, weil das so gebildete Redox-System als galvanisches Element eine Spannung aufbaut, die dann Strom erzeugt. Durch das galvanische Element wird so ein Stromkreis geschlossen. Der Wirkmechanismus eines galvanischen Elementes beruht auf einer Redoxreaktion, bei dem das unedle Metall mit der Zeit korridiert.

Die Spannung des elektrischen Stroms hängt hierbei von der Art des Metalls (Elektrochemische Spannungsreihe), der Konzentration des Elektronenleiters sowie der Temperatur ab. Da sich in einem galvanischen Element die Spannungswerte in einem immer wiederkehrenden Muster ändern, spricht man in der Elektrochemie von einer periodischen Spannung.

Durch die periodische Spannungsänderung  (Auf- und Entladung) entsteht eine Vibrationsfrequenz, die die Exterozeptoren, vor allem die Vibrationsrezeptoren in den Fußsohlen wahrnehmen. Die Anzahl ihrer Aktionspotentiale steigt dabei proportional zur Vibrationsfrequenz.

Das galvanische Element in der Bricot Sohle besteht also aus 2 Metallen, die mit einem Elektrolyt verbunden sind. Der hier verwendete Elektrolyt wird hierbei erst in  Verbindung mit dem Körper (Temperatur) aktiviert. Erst dadurch wird der Stromkreis des galvanischen Elementes geschlossen und kann seine Wirkung entfalten.

Die Sohlen zur posturalen Rekalibrierung basieren also auf zwei Wirkmechanismen                                                                                                1. 1. auf einer biomechanischen Wirkung, die durch die Erhöhung in der Fußsohlenmitte ausgelöst wird und                                                    2. einer biophysikalischen bzw. elektrischen Wirkung, die durch periodische Impulse eines elektro-galvanischen Elementes an der Stelle der Erhöhung (zentraler Stabilisator) entsteht. Hierdurch werden die Fußanpassungen neutralisiert. Die biomechanische Erhöhung in der Mitte aktiviert über die segmentalen Reflexbögen die Kette der Flexorenmuskeln (kurze Flexoren und den quadratischen Muskel von Sylvius).   

Die Hautrezeptoren sind so in der Lage, gleichzeitig den räumlichen Ursprung, die Intensität und die Druckschwankungen, die auf die Haut wirken, zu erkennen. Dadurch wird verständlich, dass schon geringe Erhöhungen die Muskelaktivitäten und das posturale Gleichgewicht beeinflussen können.

Aufgrund ihrer hohen Sensibilität sind die Vater- Pacini- Körperchen in den Fußsohlen in der Lage, die periodischen Impulse des galvanischen Elementes als Vibrationsfrequenz wahrzunehmen, die uns selbst nicht bewusst wird. Denn unsere Wahrnehmungschwelle für Vibrationen liegt bei 150 Hertz, während die  Vater- Pacini- Körperchen schon auf deutlich geringere Werte reagieren wie die Versuch von Roll zeigen..

In den letzten Jahren fanden die Neurowissenschaften heraus, dass zu starke Reize die Sinnesrezeptoren zerstören z.B. durch zu hohe Einlagen, Fußbetten.

Dies bedeutet. dass ein gleich bleibender Reiz mit der Zeit nur noch mit einer geringeren Impulsfolge beantwortet wird oder dazu führt, dass die Aktionspotentiale sogar ganz ausbleiben.Dieses Adaptationsverhalten könnte erklären, warum eine alleinige Versorgung mit biomechanischen Einlagen das Haltungssystem auf Dauer nicht rekalibrieren kann.

Dieses Wissen könnte ebenfalls ein Grund für Bricot gewesen sein, nach dieser anderen therapeutischen Vorgehensweise zu forschen.

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