Unser Haltungssystem richtig verstehen lernen

Was versteht Bricot unter dem Haltungssystem?

„Das tonische Haltungssystem ist ein plurimodales (vielseitig arbeitendes) System mit seinen verschiedenen Rezeptoren und ihren Fähigkeiten grosse Mengen, sogar manchmal ein Übermass, an Informationen weiterzugeben. Ein Komplex von Gehirnzentren ( Formatio retikularis, Thalamus, Cerebellum, etc.)  nimmt an der Führung der aufrechten Haltung und am Gleichgewicht der Bewegung teil. Diese Zentren werden ununterbrochen von verschiedenen somato-sensorischen- sensoriellen Eingängen informiert: den Rezeptoren des Systems Füße,  Augen, Zahn- Kieferapparat, Muskeln, Haut, Innenohr, usw."

 

Weiterleitung von Schmerz-, Berührungs-, Dehnungs- oder Druckwahrnehmungen von den darauf spezialisierten Nozi- (Schmerz) und der verschiedenen Mechanorezeptoren der Haut

Warum beschäftigte man sich erst in den letzten Jahren mit dem Haltungssystem?
Bricot begründet dieses damit, dass diesbezüglich in der Medizin und auch noch in vielen Haltungsschulen seit vielen Jahren und teils heute noch immer noch falsche Vorstellungen bestehen.

Dies betrifft vor allem die Rolle unseres Gleichgewichtsorganes für unser Gleichgewicht. Dieses ist, wie noch meist angenommen und noch teilweise gelehrt wird, nicht in der Lage, uns im aufrechten Stand, im Gleichgewicht zu halten. Dafür braucht es Bewegung.
Nach neurowissenschaftlichen Studien unterstützt das Gleichgewichts -organ, uns vor allem dabei, die Augen und den Kopf in der Bewegung zu stabilisieren. Es dient vor allem als Sicherheitssystem z.B. bei Stürzen. Durch die enge Lage seiner Kerne zu den Augenmuskelkernen im Hirnstamm korrigiert es über den vestibulo- okularen Reflex jede Abweichung unserer Kopfstellung sofort durch eine gegenläufige Augenbewegung.

Nach meinen Recherchen entspricht das Haltungssystem Bricots neurophysiologisch, d.h. funktionell dem somatosensomotorischen - sensoriellen Nervensystem.

In der Neurophysiologie teilt man das Nervensystem nicht nach anatomischen Kriterien in ein zentrales und peripheres Nervensystem ein, sondern in ein kraniales, spinales und internes Nervensystem.
Funktionell zählen zum kranialen Nervensystem das ZNS (Gehirn), die 12 Hirnnerven und die nervalen Verbindungen zu den Rezeptoren ( Extero- und Propriozeptoren) der Augen, der Ohren, des stomato- gnathen Systems, etc.
Dieses System steuert zwei untergeordnete Systeme, 1. das spinale und 2. das interne Nervensystem.
Zum spinalen  (somatischen) Nervensystem zählen das Rückenmark mit samt seinen reziproken Verbindungen zu den Muskelspindeln, sowie auch der Gelenk- und der Hautrezeptoren. Dieses System ist an der peripheren Bewegung des Körpers und der Extremitäten beteiligt, jedoch nicht an den Bewegungen des Kopfes und des Gesichts. Letztere werden nach der funktionellen Einteilung durch das kraniale Nervensystem gesteuert.

Das kraniale (cerebrale) und das somatische (spinale)  Nervensystem werden deshalb auch als somatosensomotorisches - sensorielles Nervensystem bezeichnet und entspricht der Definition des Haltungssystems nach Bricot.

Das Haltungssystem bzw. das somatosensomotorische- sensorielle Nervensystem dient der Auseinandersetzung des Organismus mit seiner In- und Umwelt. All unsere Sinne, auch der Schmerz werden über dieses System gesteuert. Was jedoch noch kaum bekannt ist, dass auch unsere Körperhaltung und Motorik, unser Gleichgewicht und unsere Fehlhaltungen und ihre Folgen mit dem Haltungssystem zusammen hängen. ( siehe Behandlungsbeispiel 1 dokumentiert mit dem Haltungsanalysesystem corpus- concepts und Beispiel 2)

Das Haltungssystem gibt sensorische Informationen über den Sehsinn, Hörsinn, Tastsinn, Schmerz, etc. und Informationen über die verschiedenen Mechanorezeptoren über die Position des Körpers im Raum weiter. Dadurch wird verständlich, warum Störungen in diesem System, nicht nur Fehlhaltungen und ihre Folgen verursachen, sondern auch die Lage- und Raumwahrnehmung beeinträchtigen, die dann zu Unfällen, Stürzen, Koordinationsstörungen, etc. führen.

Was das interne Nervensystem (auch autonomes vegetatives Nervensystem genannt) betrifft, so wird dies auch über das kraniale Nervensystem gesteuert. Es kontrolliert die inneren Organe und besteht aus zwei Nervensystemen: 1. dem sympathischen und 2. dem parasympathischen Nervensystem. Diese stehen mit dem sensomotorischen- sensoriellen Nervensystem über Reflexwege in Wechselwirkung. Dadurch lässt sich erklären, warum z.B. Fehlhaltungen - über die Spinalnerven der Wirbelsäule (segmentaler Reflexbogen) – auch die Funktionen der inneren Organe beeinträchtigen können oder umge -kehrt,  warum Erkrankungen innerer Organe sich im Bewegungsapparat wiederspiegeln können.

Damit unser Haltungssystem sich überhaupt entwickeln kann, braucht das Gehirn von Geburt an Informationen. Durch diese Informationen entstehen zahlreiche synaptische Nervenverschaltungen, die sich in Form einer eigenen für jeden Menschen individuellen Karte darstellt. Auf dieser Karte präsentiert sich die relative Lage sämtlicher Körperteile plastisch im Bereich der somatosensiblen und somatomotorischen Hirnrinde, was seit 1950 als synaptische, bzw. kortikale Plastizität bzw. Somatotopie (Homunkulus) bezeichnet wird.


Das Fehlen von Sinneseindrücken von bestimmten Teilen des Körpers, zum Beispiel nach einer Amputation, führt dazu, dass die kortikale Karte sich derart verändert, dass der Bereich, der zuvor für den nun fehlenden Teil zuständig war, nun nach und nach die benachbarten, nach wie vor vorhandenen Teile des Körpers mitrepräsentiert. Dies kann in dieser Übergangszeit bei dem Betroffenen zu seltsamen Fehlwahrnehmungen führen, wie das Gefühl einer Nervenstimulation der amputierten Gliedmaße. Dies liegt darin begründet, dass die bisherige nervale Repräsentationszone für diese Gliedmaße im Gehirn noch nicht ganz „ gelöscht“ ist, aber bereits Nervensignale von benachbarten Arealen in diese Zone eindringen.
Da die korrespondierende somatosensomotorische Gliederung sich nur mit Wahrnehmungs- und Bewusstseinsqualitäten entwickeln kann, sind damit notwendig auch die Entwicklung der neuropsychologische Qualitäten verbunden.

Hierzu zählen die Entwicklung unseres Haltungssystems, unser Körperschema, und im Laufe unseres weiteren Lebens unsere verschiedenen Haltungs- und Bewegungsstrategien. Diese müssen wir erst erlernen, um sie mit der Zeit durch Wiederholung automatisieren zu können wie z.B. das aufrechte Stehen, das Gleichgewicht halten, das Laufen- , Fahrrad-, Autofahren, etc. lernen, oder auch z.B. nach einem Schlaganfall, wieder das Laufen bzw. sprechen zu erlernen.

Nach Bricot wird in der heutigen Medizin der Kopf meist immer noch zu Unrecht vom Körper getrennt gesehen.  

Aber genau der Kopf, seine Rezeptoren (Augen, Zähne- Kiefer, Ohren), die Kopf-, Gesichts- und Nackenmuskulatur spielen in unserem Haltungssystem für die Steuerung unserer Körperhaltung eine besondere Rolle. Als einzige Bestandteile unseres Körpers werden sie von unseren 12 Hirnnerven , die aus dem Hirnstamm entspringen versorgt.

Was das Gleichtgewichtsorgan (VIII. Hirnnerv) im Innenohr betrifft, braucht es zur Lieferung von Informationen eine Bewegung. Gesteuert wird dies durch den vestibulo- okularen Reflex, über den die Augenmuskelkerne  mit den Vestibulariskernen im Hirnstamm verbunden sind. 

In der reinen Statik, d.h. im Stand kann man deshalb das Gleichgewichts -organ nach Bricot nicht als regulierendes Element, sondern allenfalls als einen Bezugspunkt für das Haltungssystem ansehen.

Die Rezeptoren, die wirklich als erstes an der Feinregulierung der statischen und dynamischen Haltung beteiligt sind die Füße und die Augen.

Als Hauptrezeptoren des Haltungssystems verbinden sie eine von außen kommende Wahrnehmung mit einer Eigenwahrnehmung. Die Augen und die Füße sind gleichzeitig Endo-( (Proprio-) und Exterozeptoren.

Weitere Rezeptoren dieses Systems sind die Haut, die Muskeln und die Gelenke. Auch der Zahn- Kieferapparat oder genauer das stomatognathe System , das periphere und das zentrale Nervensystem beeinflussen das Haltungssystem.

Die Exterozeptoren (Hautrezeptoren)
Seit vielen Jahrzehnten ist die Rolle der Haut als größtes Sinnesorgan unseres Körpers bekannt. Über ihre Rezeptoren, die schon alle im 18.Jahrhundert entdeckt wurden, nehmen wir Berührung, Druck, Dehnung, Vibration, Temperatur und Schmerz wahr.
Jahrzehntelang wurden und werden bei Befindlichkeitsstörungen oder Störungen von außen (Unfälle, Verletzungen, Schmerzen etc.) über die Haut behandelt ohne den neuroanatomischen bzw. neurophysiologischen Hintergrund zu kennen.
Über die Haut werden auch heute noch viele physikalische Therapien (Massagen, Wärme- Kälteanwendungen, Kneipsche Güsse, Rotlicht, Lichttherapie, etc.) durchgeführt.
Das Sinnesorgan Haut wird in vielen medizinischen Bereichen auch diagnostisch (EKG- Ableitungen, Reflexzonen, etc.) genutzt. Das erste EKG, zur Aufzeichnung der Summe der elektrischen Aktivität aller Herzmuskelfasern, wurde 1882 von dem Physiologen Augustus Desiré Waller an seinem Hund Jimmy abgeleitet. Die Instrumente wurden 1903 wesentlich von Willem Einthoven verbessert, der das EKG zu einem brauchbaren Diagnoseverfahren entwickelte und in der Klinik einführte. Die von ihm eingeführte Terminologie wird noch heute verwendet.

Aber auch die von Head und MacKenzie gefundenen Reflexzonen  oder die Fußzonenreflexzonen, etc. werden diagnostisch, aber auch therapeutisch genutzt.

Die kutanen Exterozeptoren und Propriozeptoren und ihre Entdecker

Mechanorezeptoren


In der Neuroanatomie- und Neurophysiologie sind diese Rezeptoren schon sehr lange erforscht.  

Die zahlreichen Exterozeptoren der Augen, Füße und der Haut (Oberflächensensibilität), aber auch der Proprozeptoren (Tiefensensibilität) in allen Muskeln, auch Augenmuskeln und den Muskelsehnenübergängen der Gelenke sind fast alle schon im 18. Jahrhundert von Anatomen entdeckt worden. Jedoch ist die Bedeutung einiger dieser Exterozeptoren (Mechanorezeptoren) für das Haltungssystem bis heute in der täglichen Praxis kaum bekannt.

Der Grund hierfür könnte meiner Meinung nach folgender sein:

Durch die steigende Zahl von Schmerzpatienten besonders mit Kopf-, Rücken- und Gelenkschmerzen galt das Interesse der Medizin vor allem zunächst mehr der Erforschung der Funktionsweise der freien Nervenendigungen, den Nozizeptoren (Schmerzvermittlern), den Schmerzbahnen sowie dem 1932 entdeckten Gamma- Motoneuronen- Kreislauf Sherringtons, mit dem Ziel effektive Wege in der Schmerztherapie zu finden.( siehe unter Neuroanatomie und Neurophysiologie).

Dank Bricot lernen wir nun durch seine Lehre die wichtige Rolle der kutanen Rezeptoren ( Mechanorezeptoren) des Haltungssystems kennen, die die Körperhaltung und das Gleichgewicht entscheidend mitbestimmen und dessen Störungen die wahren Gründe für Fehlhaltungen und ihre Folgen sind .
Es gibt eine große Vielfalt an Mechanorezeptoren, die in Bau und Funktion sehr stark variieren. Die Gesamtheit der Informationen von den Mechanorezeptoren braucht unser Gehirn, um Form, Größe und Bewegung z.B. eines Gegenstands oder des Bodens, auf dem wir stehen oder gehen, genau beurteilen zu können.

In der unbehaarten Haut (Handflächen, Fußsohlen) findet sich eine etwas andere Zusammenstellung und Verteilung dieser Rezeptoren wie in der behaarten Haut. 

Die Meissner-Körperchen, die nach ihren Entdecker, dem deutschen Anatomen und Physiologen Georg Meissner (1852) benannt wurden, gehören zu den schnell-adaptierenden (RA, rapidly adapting) Mechanorezeptoren. Sie sind berührungsempfindlich und feuern nur bei Bewegungen, bzw. bei Veränderungen der Reizstärke. Sie sind also Geschwindigkeitsrezeptoren. Sie lassen sich durch das Eindrücken der Haut erregen.

Sie passen sich zwar jeder neuen, tieferen Eindrucktiefe sofort an, geben dann aber keine Signale mehr weiter. Mit den Meissner-Körperchen können wir die Oberflächenstruktur und deren Ausdehnung von Gegenständen und Objekten wahrnehmen.

Sie sind besonders zahlreich in den Fingerkuppen, in der Zungenspitze, in den Lippen und den Genitalien und Fußsohlen in unterschiedlicher Verteilung (Rezeptordichte) vorhanden.

Der Anatom Dr. med. Jastrow von der Uni Mainz beschreibt, dass Druck auf ein Meissner Körperchen die oberen und unteren Pole des Körperchen gegeneinander drückt und auf diese Weise an den Enden der Nerven zieht. Dadurch können Aktionspotentiale mit 10 – 400 Hz ausgelöst werden.

Die Merkel-Zellen, nach dem Göttinger Anatomen Johann Friedrich Sigmund Merkel (1845 - 1919) benannt, sind spezielle Sinneszellen in den tieferen Anteilen der Epidermis (Oberhaut), die auch als Druckrezeptoren wirken. Sie adaptieren langsam und feuern mit einer zur Reizintensität, also der Druckstärke, proportionalen Frequenz. Als adäquater Reiz gilt schon das Eindrücken der Haut mit einer Geschwindigkeit von 0,3 bis 3 Hz.

Nach Dr. Jastrow von der Uni Mainz reagieren Merkel- Zellen nicht nur auf Druck, sondern auch auf dynamische Reize sowie Vibration.

Die Ruffini-Körperchen wurden nach dem italienischen Anatomen Angelo Ruffini (1864–1929) benannt. Es handelt sich um langsam adaptierende Dehnungsrezeptoren, die in der Haut, Dura mater, Iris, im Ziliarkörper und Gelenkkapseln vorkommen. In der Haut liegen sie im Stratum reticulare der Dermis.

Die Ruffini-Körperchen der Gelenkkapsel ( Propriozeptoren) registrieren die Stellung der Gelenke und ihre Auslenkungs -geschwindigkeit.

Die Vater-Pacini-Körperchen sind rasch adaptierende Mechanorezeptoren der Haut. Sie haben eine sehr geringe Reizschwelle und sind deshalb besonders für die Wahrnehmung von raschen Druckschwankungen und Vibration geeignet.

Sie finden sich in allen Arten faszialen Gewebes, vor allem in den tendinösen Bereichen der myofaszialen Übergänge, in tieferen Schichten von Gelenkkapseln, in spinalen Ligamenten, im Periosteum, sowie in umhüllenden Muskelfaszien wie der Palmar-, Plantar-, Crural, Antebrachial-, Abdominal-, Masseter -Faszie oder der Faszia lata. Sie sind nach dem deutschen Anatomen Abraham Vater (1684–1751) und dem italienischen Anatomen Filippo Pacini (1812–1883) benannt worden.

Die kleinere Variante des Vater-Pacini-Körperchens wird auch Krause-Körperchen genannt.

Interstitielle Rezeptoren sind erst seit 1993 bekannt. Viele von ihnen wird es überraschen, dass unser reichhaltigstes Sinnesorgan nicht die Augen, Ohren, Haut, auch nicht unsere Gleichgewichts-Organe, sondern die gesamten Körperfaszien, auch unseren Muskelfaszien sind. Man fand heraus, dass ein typischer Muskelnerv aus fast dreimal so vielen sensorischen wie motorischen Neuronen besteht.

Die interstitiellen Rezeptoren stellen somit die größte Anzahl an afferenten Neuronen dar, die das ZNS ereichen. Von dieser großen Gruppe der sensorischen Neurone besteht nur ein kleiner Teil (20%) aus Typ 1 & 2 Fasern, welche mit den Muskelspindeln, sowie den Golgi, Pacini und Ruffini Endigungen zusammen hängen. Die Mehrzahl - bzw. ein viermal so großer Anteil - gehört zu einer Gruppe sehr kleiner Nervenendigungen über die bis vor kurzem nur wenig bekannt war (Engeln 1993). Weil man sie auch in fast sämtlichen Arten von Bindegewebe findet – selbst innerhalb von Knochen – könnte man sie auch allgemein als interstitielle Geweberezeptoren bezeichnen.

Viele der freien Nervenendigungen gelten inzwischen auch als multimodal. Neuere Forschungen haben gezeigt, dass die Mehrheit dieser Nervenendigungen sich wie Mechanorezeptoren verhalten. Ca. 50% von ihnen haben eine hohe Reizschwelle, d.h. sie reagieren nur auf kräftigen Druck. Die andere Hälfte hat hingegen eine sehr niedrige Reizschwelle und spricht auf sehr geringen Druck wie etwa das zarte Bestreichen mit einem Pinsel – an (Mitchell & Schmidt 1977).

Eine Studie der Kiefermuskulatur und ihren Faszien zeigte, dass die interstitiellen Rezeptoren in diesem Bereich schon auf leichte Lageveränderungen der Mandibula und auf ganz geringe Fasziendehnungen reagieren, so dass man inzwischen davon ausgeht, dass diese freien Nervenendigungen auch propriozeptive Fähigkeiten besitzen (Sakada 1974). Diese Zusammenhänge sind sicherlich auch für Zahnärzte nicht unbedeutend. So sollte das Clenching ( Zähne zusammenbeißen) oder der Bruxismus eher als Dysfunktion der interstitiellen Rezeptoren in den Faszien (sensorische Dysfunktion) verstanden werden, der zu reflektorischen Muskelanpassungen führt. Bisher wird diese Problematik meist noch auf eine reine Muskeldysfunktion zurückgeführt.

Seit längerem ist bekannt, dass Serotonin die Schmerzschwelle von marklosen interstitiellen Rezeptoren verringert (Mitchell & Schmidt 1977). Dies könnte bedeuten, dass es sich bei der Fibromyalgie weniger um eine Störung im Muskeltonus, sondern ebenfalls um eine primär sensorische Dysfunktion handelt.


In großflächigen Faszien konnten glatte Muskelzellen und zahlreiche sympathische Nervenendigungen nachgewiesen werden, wodurch sich die enge Verbindung zwischen Faszien und dem autonomen vegetativem Nervensystem erklärt. Hierauf könnte die Wirkung der Akupunktur oder anderer Reflextherapien beruhen.

Akupunkturpunkte

Schon 1995 zeigten die Forschungen von Staubesand, dass es zahlreiche kleine Öffnungen der Oberflächenfaszie gibt, die durch den Durchtritt einer sogenannten Perforanten-Trias gekennzeichnet sind, bestehend aus einer Vene, Arterie und einem Nerv. Laut Staubesand sind die meisten dieser Nerven unmyelinierte autonome Nerven. (aus Staubesand & Li 1996)

Ungefähr zur selben Zeit gelang es dem Anatom Prof. Dr. Hartmund Heine ebenfalls die Existenz dieser Perforationsstellen nachweisen. Heine konnte beweisen, dass die meisten (82%) dieser faszialen Durchtrittsstellen topographisch identisch mit den traditionellen chinesischen Akupunkturpunkten sind (Heine 1995).

Die Wirkung der Akupunktur oder TENS-Therapie lässt sich hiernach primär auf die Erregung der sympathischen interstitiellen Rezeptoren über den Hautstimulationsreiz zurückführen. Dies führt zur Ausschüttung so genannter Enkephaline (flüssige Botenstoffe des Gehirns), wodurch die Wirkung von Substanz P und anderen schmerzfördernden Neuropeptiden im Körper gedämpft wird. Durch den Nadel- oder elektrischen Reiz wird sowohl die Aktivierung von nozizeptiven Fasern herab gesetzt und bereits aktivierte Schmerzrezeptoren wieder depolarisiert (Kovacs FM 1997).

Die Golgi- Rezeptoren nach ihrem Entdecker Camillo Golgi (1872)benannt, sind Sinnesrezeptoren der Propriozeption, die die Muskelspannung regulieren. Golgi war ein italienischer Mediziner und Physiologe. Er erhielt den Nobelpreis für Medizin im Jahr 1906 gemeinsam mit Santiago Ramón y Cajal in Anerkennung ihrer Arbeit über die Struktur des Nervensystems.

Man findet die Golgi-Sehnen-Organe nicht nur an myotendinösen Übergängen (hier mehr in den muskulären Anteilen), sondern auch in anderen faszialen Geweben wie in den Endbereichen von Aponeurosen, in Gelenkkapseln und in zahlreichen Ligamenten und im Gehirn.

Die Golgi Rezeptoren sind über das Rückenmark so verschaltet, dass deren Stimulation üblicherweise zu einer Tonussenkung der segmental verschalteten quergestreiften Muskelfasern führt.

Golgi-Sehnen-Rezeptoren können jedoch nicht durch passive Dehnungen stimuliert werden, sondern nur durch aktive Muskelkontrationen (Lederman 1997). Dies liegt in an der seriellen Anordnung der Golgi-Sehnen-Rezeptoren.

Die neuromuskulären Muskelspindeln von dem englischen Neurophysiologe Sir Scott Charles Sherington um 1902 entdeckt, regulieren die Muskellänge.( siehe unter Neurophysiologie) 

Die Muskelfasern der neuromuskulären Muskelspindeln sind an den kontraktilen Enden mit motorischen Nervenfasern, den γ-Motoneuronen des pyramidalen und/oder extrapyramidalen Systems, verbunden. Werden diese durch die Y- Motoneurone von den extrapyramidalen Bahnen aus dem Hirnstamm aktiviert, kontrahieren sich die Enden der Muskelspindelfasern. Dadurch wird aber ihre Mitte, der Sitz der motorischen Endplatte gedehnt, worauf die Ia-Nervenfasern ein Aktionspotential auslösen. Dieses wird dann wiederum ins Hinterhorn des Rückenmarks geleitet und auf die dort liegenden α-Motoneurone umgeschaltet, worauf sich die Skelettmuskelfasern kontrahieren und die Muskelspindel und damit auch die Mitte der Muskelspindelfasern verkürzen. Dies geschieht solange, bis die Ia-Fasern an der motorischen Endplatte keine Dehnung mehr wahrnehmen.

In unserem Haltungssystem hat das Gehirn die Aufgabe, das Gleichgewicht der posturalen (Halte-) Muskeln zu regulieren.

Es bekommt die dafür nötigen Informationen von allen oben aufgeführten Rezeptoren.

Das Haltungssystem ist ein System gegen die Schwerkraft, für das statische und dynamische Gleichgewicht, ein inneres und äußeres Anpassungssystem und ein sensorisches System,d.h. es kodiert die Geschwindigkeit und passt die Bewegung an die Informationen an.

Dieses System ist jedoch unfähig, sich selbst zu korrigieren.

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