Unser Haltungssystem richtig verstehen lernen

Wie funktioniert das tonische Haltungssystem nach Bricot?

Das Haltungssystem funktioniert autonom, und regelt andauernd - unbewusst - die Körperhaltung im Raum.

Bricot verglich in den Anfängen der Posturologie zum besseren Verständnis diesen Regelkreis mit dem eines Computers.

Hierbei entsprach die Steuerzentrale im ZNS, der Festplatte, die Augen einer Webcam , die Füße der Tastatur und die Haut einem Scanner, etc..

Alle Informationen durch die webcam, die Tastatur, etc. sieht die Festplatte als richtig an und greift bei neuen Eingaben immer wieder auf diese Informationen zurück, auch wenn sich dabei vielleicht ein Fehler eingeschlichen hat.

Wird jedoch die Anzahl der Eingabefehler, egal durch wen (webcam, Scanner oder Tastatur, etc.) zu viel, so kann der nächste Fehler, den Computer zum Abstürzen bringen.   

Diesen letzten Eingabefehler würden Sie dann sicherlich auch nicht, als Ursache des Absturzes ansehen, sondern nur als Auslöser. Ich denke, auch Sie würden in diesem Fall eher anstreben, das Problem langfristig zu beheben, in dem Sie die Festplatte neu formatieren, als nur den letzten Fehler zu beseitigen, wenn dieser Versuch nur zu einem kurzen Erfolg geführt hat.
Für die gleiche Vorgehensweise entschloss sich auch Bricot und nannte deshalb seine andere therapeutische Vorgehensweise zunächst die „ Globale Reprogrammierung des Haltungssystems“, nach dem er die Zusammenhänge (Wechselbeziehungen zwischen den einzelnen Sinnessystemen bzw. Rezeptoren) 1986 entdeckt hatte.
Bisher wird in unserer üblichen Diagnostik, auch bei den Haltungsanalysesystemen diesen ursächlichen Zusammenhängen bzw. Wechselwirkungen noch kaum Rechnung getragen.

Einige Therapeuten versuchen, auch heute noch die Fehlhaltungen vor allem mit sensomotorischen Einlagen zu korrigieren und/ oder mit propriozeptiven Training zu unterstützen. Diese  Versorgungen werden dabei anhand von vorgegebenen Kriterien (wissenschaftlich bewiesen) mit einem Messsystem überprüft und dokumentiert. Die Versorgungen selbst gehen auch bei diesen Therapien von dem Versorgungskonzept des Neurologen Prof. Bourdiol aus.

Vor jeder Haltungsanalyse wird für jeden Patient ein dynamischer Blauabdruck angefertigt, in dem die korrigierenden Elemente eingezeichnet werden.Diese werden dann in eine Einlage eingearbeitet. 
Inzwischen beginnt man zunehmend auch Zusammenhänge mit anderen Rezeptorstörungen (Augen- oder Zahn-Kieferapparat) zu sehen. (Ludwig 2003). 
 


Die neurophysiologische Entwicklung unseres Haltungssystems

Damit unser Haltungssystem sich überhaupt entwickeln kann, braucht es von Geburt an Informationen. Durch diese Informationen entstehen zahlreiche synaptische Nervenverschaltungen, die sich im Gehirn in Form einer eigenen für jeden Menschen individuellen Karte darstellt. Auf dieser Karte präsentiert sich die relative Lage sämtlicher Körperteile plastisch im Bereich der somatosensiblen und somatomotorischen Hirnrinde. Dieses wurde 1950 experimentell durch den amerikanischen Neurochirurgen Wilder Penfield entdeckt und seit dem als Homukulus  ("kleiner Mann") bezeichnet. Es handelt sich um die synaptische, bzw. kortikale Plastizität bzw. Somatotopie des menschlichen Körpers im Gehirn. 
Das Fehlen von Sinneseindrücken von bestimmten Teilen des Körpers, zum Beispiel nach einer Amputation, führt dazu, dass sich diese kortikale Karte derart verändert, dass der Bereich, der zuvor für den nun fehlenden Teil zuständig war, nun nach und nach die benachbarten, nach wie vor vorhandenen Teile des Körpers mitrepräsentiert.

Dies kann in dieser Übergangszeit bei dem Betroffenen zu seltsamen Fehlwahrnehmungen führen, wie das Gefühl einer Nervenstimulation der amputierten Gliedmaße. Der Grund dafürliegt darin, dass die bisherige nervale Repräsentationszone für die amputierte Gliedmaße im Gehirn noch nicht ganz „ gelöscht“ ist, aber bereits Nervensignale von benachbarten Arealen in diese Zone eindringen.
Da sich diese korrespondierende somatosensomotorische Gliederung  nur mit neuen Wahrnehmungs- und Bewusstseinsqualitäten entwickeln kann, ist daran notwendigerweise auch die Entwicklung unseres Haltungssystems geknüpft. Nur so können wir unser Körperschema, und im Laufe unseres weiteren Lebens unsere verschiedenen Haltungs- und Bewegungsstrategien entwickeln um z.B. das aufrechte Stehen, das Gleichgewicht halten, das Laufen- , Fahrrad-, Autofahren, etc. erlernen, oder auch z.B. nach einem Schlaganfall, wieder das Laufen bzw. sprechen wieder zu erlernen.

Unsere Bewegungen selbst können, unabhängig von ihrem Zweck, als eine Aufeinanderfolge vielfältiger Haltungen, angesehen werden.

Das Haltungssystem ist bei jeder Bewegung beteiligt, z.B. beim Essen, Sitzen, Stehen, Laufen etc.

Es ist vor, während und nach der Bewegung dabei, denn die Bewegung entsteht aus der Haltung.

Nach Bricot ist unsere Körperhaltung weder von reflexartiger, noch von willkürlicher Natur, sondern sie ist einprogrammiert (engrammiert)

Diese Grundschemen sind angeboren und werden in der Ontogenese(Entwicklung) verfeinert. Gleichzeitig sind sie variable und feste Speicher des Gehirns und die Stabilisatoren unserer Haltung.

Und genau diese motorisch kodierten Haltungen ermöglichen es uns, als Kleinkinder, herum zu krabbeln, uns aufzurichten, uns auf den Beinen zu halten, zu gehen und/ oder uns zu setzen.

Die grundlegende Reifungsperiode dieser motorischen Grund- programme liegt zwischen dem 9.- 12. Lebensmonat: der Krabbelphase. In dieser Zeit reift das Cross Crawl:

Das Cross Crawl ist eine Überkreuzbewegung, bei der beide Gehirnhälften lernen, zusammen zu arbeiten. Dies führt zu einer besseren Hirnintegration und fördert gleichzeitig das beidäugige und periphere Sehen, denn in der Gebärmutter erhält unser Gehirn keine visuellen Informationen (siehe Augen)

Viele unser Kleinkinder überspringen diese Krabbelphase, und allgemein wird gesagt, das wäre nicht schlimm.

Werden diese Fähigkeiten nicht im Kleinkindalter erlernt oder aufgrund von Störungen der Rezeptoren (Konvergenzstörung) falsch erlernt, so führt das zu einer schlechten Kalibrierung des gesamten Haltungssystems und infolge dessen zu einer Fehlhaltung.


Der somatosensomotorische Kortex ist bei der Geburt noch sehr unreif, d.h. bei der Geburt sind wir gerade mit einfachen motorischen Grundprogrammen ausgestattet, auf die unser Haltungssystem, d.h. unser somatosenso - motorisches – sensorielles Nervensystem, zunächst nur zurückgreifen kann. Diese angeborenen motorischen Grundprogramme sichert dem Neugeborenen erst einmal nur das Überleben.

Diese motorischen Grundprogramme steuern die primitiven (einfachen) Reflexmechanismen, wie Saug-, Schluck- Atmungs- Greifreflexe, etc. Nur durch tägliches Lernen von neuen Wahrnehmungen wie Seheindrücke sammeln, die Umgebung ertasten bzw. begreifen, kann der Kortex seine synaptischen Verschaltungen zunehmend vergrößern. Nur so lernen wir sämtliche unserer motorischen Fähigkeiten, unser Körperschema, unsere Haltungs- und Bewegungsstrategien weiter zu entwickeln und mit der Zeit auch zu automatisieren. Denn unser Haltungssystem greift bei allem was wir tun immer auf diese Informationen, die im somatosensomotorischen Kortex abgespeichert werden, immer zurück. Deshalb spricht Bricot davon, dass das Haltungssystem immer vor, während und nach jeder Bewegung beteiligt ist.

Auf diese motorischen Grundprogramme greift unser Gehirn ständig zurück , wodurch wir erst unsere Haltungsstrategien entwickeln können.
Jede gewählte Körperhaltung ist daher für die gegebene Situation eingeprägt, unbewusst und wird ständig mit dem Ergebnis (multisensorische Informationen) verglichen und neu kalibriert.

Nur dann sind Schmerzen und "Verschleiß" so gut wie ausgeschlossen, und auch die inneren Organe funktionieren optimal, da die Spinalnerven nicht unter einer Fehlbelastung stehen.

Das Tonische Haltungssystem ist ein kybernetisches System, ein Regelkreis, in dem die Muskeln (Rezeptoren) auch noch neben der Schwerkraft Motoren des Haltungssystems sind.

     

 

Die myotatischen Reflexe (Muskeleigenreflexe)  garantieren in diesem System die Stabilität des Rumpfes und der Extremitäten. Weiter darüber stehende Zentren – wie die motorischen Zentren im Großhirn – dominieren mit ihren motorischen Programmen die untergeordneten Zentren.

Reflexe sind quasi Kurzschluss-Verbindungen zwischen unserem sensorischen und motorischen Nervensystem auf segmentaler Ebene, der Rückenmarksebene. Sie sind zwar immer segmentalen Ursprungs, erreichen jedoch über polysynaptische Verschaltungen das Gehirn. (siehe unter Neurophysiologie)

Während der ersten Lebensjahre, müssen die primitiven Reflexe langsam verschwinden, damit wir uns weiterentwickeln können wie z.B. der primitive Saugreflex, damit wir mit einem Löffel essen lernen können. Dieses betrifft auch den Babinski-Reflex. Sein Verschwinden stellt die Grundvoraussetzung zum Stehen und Laufen lernen dar. Dieser Reflex wurde von dem polnisch-französischen Neurologen Joseph Babinski 1996 während seiner Forschungsarbeiten zufällig entdeckt, als er den neurologischen Hintergrund dieser Störung aufdecken wollte. Dieser bis zum Alter von 6 Monaten normale Plantarreflex (Fußsohlenreflex) ist ein Fremdreflex, der polysynaptisch verschaltet ist und der beim Bestreichen der Fußsohle ausgelöst wird. Hierbei reagiert der Fuß reflektorisch mit einer Plantarflexion (Greifbewegung) der Zehen. Bei allen polysynaptischen Reflexbögen (Fremdreflex) liegen Rezeptor (Haut, Fußsohle) und Effektor (Muskulatur) an verschieden Orten, während beim monosynaptischen (Muskeleigen-) Reflex Rezeptor und Effektor am gleichen Ort liegen

 

Das Haltungssystem arbeitet also wie ein Computer, der Informationen (Rezeptoren) in ein bestehendes Programm (Haltungsschema) einfügt und sich dadurch selbst reguliert.

Sind diese Informationen während unserer Entwicklung korrekt, widerspruchs- und störungsfrei, haben wir ein perfektes Raum-, Lage- und Gleichgewichtsgefühl, eine perfekte Haltung in allen drei Ebenen im Raum ( frontal, sagittal und horizontal) und eine optimal entspannte Skelettmuskulatur mit einer maximalen Beweglichkeit.

Asymmetrische Informationen der Rezeptoren lösen im Gehirn eine Anpassungsreaktion aus, die ihrerseits eine neue pathologische Anpassung der Haltung (Fehlhaltung) bewirkt. Diese wird dann vom Haltungssystem übernommen, d.h. ins Langzeitgedächnis abgespeichert und von dem Moment an als richtig angesehen.

Das gesamte System funktioniert von nun an mit einem pathologischen Programm und mit einer daraufbauenden Selbst -regulierung sowohl des gesamten Systems ( siehe Pathologie) , wie auch der einzelnen Rezeptoren mit ihren muskulären Funktionen (siehe  Füße, Augen, Zähne-Kiefer).

Das Haltungssystem kann sich zwar innerhalb einer Fehlhaltung anpassen, aber es wird sich nie allein korrigieren können.

Entgegen der auch heute immer noch weitläufige Meinung sind es  nicht primär unsere Muskeln, die unsere aufrechte Haltung ermöglichen. Nach Bricot ist es die Gewebeviskosität unserer Körperfaszien, an den unser Hinterkopf (siehe oben) aufgehängt ist, und unsere Füße, die uns daran hindern, im Stand nach vorne zu fallen.

Gerade diese Viskoelastizität der Körperfaszien ermöglicht erst all unseren Muskeln, uns mit nur sehr geringer Kraft beim aufrechten Stand im Gleichgewicht und unseren Kopf und Unterkiefer permanent gegen die Schwerkraft halten zu können.  

Aus diesem Grund stehen wir nach Bricot normalerweise um ca.     3-4° leicht nach vorne gebeugt. 

Deshalb sind bei einer Gleichgewichtsstörung immer 2 Teile beteiligt: Die Kopfgelenke und die Füße.

Sie sind die Aufhängepunkte des doppelten umgekehrten Pendels und passen sich auf jedes Ungleichgewicht an. Diese beiden entgegen gesetzten Enden schwingen abwechselnd wechselseitig miteinander.

Dieses erklärt das permanente geringfügige Schwanken unseres Körpers um seinen Körperschwerpunkt im Stand. Der Tübinger Arzt Prof. Dr. Karl Vierordt hat schon 1860 dieses Schwanken in einem einfachen experi-mentellen Versuchsaufbau nachweisen können.

                                     

Heute werden diese Schwankungen auf Gleichgewichtsplatten gemessen wie dem Stabilometrie- Gerät.

Aufgrund unserer instabilen Wirbelsäule muss unser Gehirn die gesamten Muskeln ständig aktivieren, um so überhaupt unsere Körperhaltung in jeder Lage, auch bei einer Fehlhaltung, gegen die Schwerkraft zu stabilisieren.

 

                                                      

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